Neugestaltung des Schulhofes

Entwerfen, vermessen, zuschneiden, fräsen, sägen, schleifen, schrauben, malern: Drei Tage lang haben sich rund 20 Schülerinnen und Schüler der Martin-Luther-Schule Marburg während der Projekttage 2017 im Schulhofprojekt mit Handwerksarbeiten beschäftigt. Jetzt ist es geschafft: Sitzgruppen mit Tisch sind auf dem Schulhof entstanden, direkt vor der Cafeteria; Chill-Liegen in Blau- und Grüntönen, in Orange- und Brauntönen laden vor der Kunsthalle zum Entspannen ein. Doch Vorsicht. „Nicht drauflegen“, warnt Lehrerin Anke Dietrich einen vorwitzigen Schüler – sie hat das Schulhofprojekt angeregt und begleitet es -, „die Farbe muss noch trocknen“. Zu Schade!

Ein Mädchen schraubt an der Seite noch eine Sägearbeit als eine Art Emblem an – Saturn, den Planeten mit den Ringen. Ein kurzer Sommerschauer kommt herunter, noch drei Tage bis zu den Sommerferien, die Kinder und Jugendlichen sind an diesem Donnerstagvormittag auch ganz schön geschafft: Handwerkliches Arbeiten sind sie am Gymnasium eher nicht gewohnt; auch nicht, dass sie in alle Arbeitsschritte und -prozesse einbezogen werden, mitentscheiden dürfen. „Dass wir uns auf die leere Platte legen und damit den Chillliegen die Form geben durften, fand ich besonders toll“, sagt Emma in der Abschlussrunde. Auch die Größe und Abstände der Sitzgruppen wurde den Wünschen und Maßen der Jugendlichen angepasst, die Farben sowieso. Außerdem durften sie Kreis- und Stichsägen bedienen, mit Riesenbohrern bohren, Schleifmaschinen anwerfen. Ein Mädchen hält den Daumen hoch: „Den habe ich ein bisschen angeschleift“, sagt sie, „ist aber nicht wild.“ Klingt trotzdem gefährlich! Die beiden Projektanleiter Holger Buntzen und Wulf Hamel, graue Arbeitsanzüge, grüne Shirts, von der Arbeit im Freien braungebrannt, grinsen und schütteln den Kopf: „Ist es nicht!“ Seit Jahren begleiten sie als Mitarbeiter der Personalentwicklungsfirma ALEA aus Marburg Projekte wie das der Martin-Luther-Schule.

„Partizipative Bauprojekte“ lautet das Schlagwort – Bauvorhaben, die die Personengruppe, für die gebaut wird, so weit wie möglich nicht nur in Planung und Entwurf, sondern darüber hinaus in die konkrete Umsetzung, die Herstellung, den Bau, einbeziehen. Die beiden Männer mit Doppelqualifikationen als Handwerker und Pädagogen waren schon in Kindergärten, Kommunen, Dorfgemeinschaftshäusern und natürlich Schulen. „Wenn wir Sitzgruppen und Chillliegen zusammen mit den Kindern und Jugendlichen bauen, identifizieren sie sich hinterher viel stärker damit und gehen schließlich auch achtsamer damit um“, sagt Holger Buntzen. So einfach ist das: Wer tagelang Latten für Chillliegen braun, orange, blau und grün gestrichen hat, wird sie hinterher eher nicht mit schwarzem Permanentmarker beschriften.

Aber das ist nur ein Effekt: „Es geht auch um eine andere Form des Lernens“, sagt Anleiter Wulf Hamel, und schiebt dann verschmitzt das bekannte Motto hinterher – mit Kopf, Herz und Hand. „Um die Tisch-Bank-Kombinationen den Bedürfnissen und Wünschen der Schüler anzupassen, muss man ausprobieren, Maß nehmen, rechnen und dann sägen.“ Gemeinschaftliches Bauen verändert auch den Umgang miteinander und das Selbstkonzept. „Wir Anleiter, die begleitenden Lehrerinnen und die Jugendlichen lernen uns beim Entwerfen, Bauen, Anstreichen von einer ganz anderen Seite kennen“, sagt Holger Buntzen. Die verschiedenen Gruppen der Schulgemeinde kommen sich auf eine unkomplizierte Weise näher. Am Ende können sie gemeinsam stolz sein auf das, was sie mit ihrem Herz, ihrer Hand und ihrem Kopf hergestellt haben. „Sie erfahren ihre Selbstwirksamkeit“, stellt der Anleiter von ALEA das passende Schlagwort in den Raum. Wie bestellt sagt Linus dann in der Abschlussrunde, dass er stolz darauf ist, etwas Großes und Wichtiges für die Schule gebaut zu haben.

„Die Neugestaltung des Schulhofs ist lange überfällig“, sagt Anke Dietrich, die von der Schulleitung mit der Gestaltung der Lernumgebung beauftragt ist. Seit Jahren wollen 5.-Klässler-Eltern von ihr und von Unterstufenleiterin Renate Wegener wissen, wie und wo die Kinder sich hier in den Pausen bewegen sollen, wo sie Fußball spielen können, warum so wenig Grün auf dem Hof zu sehen ist, so wenig Ruheräume und Sitzgelegenheiten. Im Januar 2017 hat die Englisch- und Französischlehrerin deshalb Vertreter der Schulgemeinde, Schüler und Schülerinnen unterschiedlicher Altersstufen und ALEA an einen Tisch geholt, um die unterschiedlichen Wünsche und die entsprechenden Gestaltungsmöglichkeiten auszuloten. Entstanden ist mit Hilfe der Planungen von ALEA ein Masterplan, der größere und kleinere Räume für unterschiedliche Bedürfnisse auf dem Schulhof öffnen soll. „Sie sehen hier zum Beispiel einen hohen und einen niederen Balanceparcours, damit sich die jüngeren Schüler und Schülerinnen mit Bewegungsdrang in den Pausen austoben können“, erklärt Anke Dietrich die Skizze, die in der Cafeteria aushängt. Ein Ballsportbereich soll geschaffen werden, viele zusätzliche Ruheräume und kleine grüne Inseln – mit Bäumen und essbaren Pflanzen, dem sogenannten essbaren Schulhof. Die Chillliegen und die Sitzgruppen vor der Cafeteria: Das ist erst ein kleiner Anfang.

„Wir können selbstverständlich nicht alles auf einmal umsetzen“, sagt Anke Dietrich, „dafür stehen keine Gelder zur Verfügung“. Die engagierte Lehrerin tritt aber immer wieder an die Stadt heran, an das Grünflächenamt und an die Schulleitung der Martin-Luther-Schule und wirbt für ihren Schulhofgestaltungsplan. Manches ergibt sich dann: Gerade hat Anke Dietrich erfahren, dass die Stadt die Kosten für den Bau der Chillliegen und Sitzgruppen übernommen hat. Die Planungen von ALEA haben sich die Stadt, EMS und der Ehemaligenverein geteilt. Und wie soll es weitergehen? „Das erfahren wir vermutlich erst Anfang 2018“, sagt Anke Dietrich. Als nächstes soll der niedrige Bewegungsparcours entstehen. „Es gibt aber auch kleinere, weniger kostspielige Projekte abseits des großen Plans“, so die engagierte Lehrerin. Sie träumt von einem bunten Zaun zwischen Schulgarten, Lehrerparkplatz und Hülsenhaus, um den Raum vor ungebetenen Besuchern zu schützen, die sich mitunter an Wochenenden und dann zumeist nicht ganz nüchtern in den Schulgarten verlaufen. „Vielleicht könnten wir den ja mit der tatkräftigen Hilfe von Eltern und der finanziellen Unterstützung von EMS bauen.“

(Yasmin Winter-Bohrmann)